Ursprung — ein Spieltisch in Nürnberg
Die sechsunddreißig Karten, die man heute Lenormand nennt, sind zuerst um 1799 in Nürnberg erschienen. Johann Kaspar Hechtel (1771–1799) hat sie als Salonspiel unter dem Titel Das Spiel der Hoffnung entworfen. Es war kein Orakelblatt: die sechsunddreißig bebilderten Karten wurden zu einem Spielfeld von sechs mal sechs gelegt, und die Spielenden würfelten sich vorwärts, um als Erste bei Karte 35 (dem Anker, dem Sinnbild der Hoffnung) anzukommen.
Das Blatt zirkulierte, und nach und nach begannen Leserinnen und Leser, an den Bildern Karten zu ziehen. Um 1846 — drei Jahre nach dem Tod von Mlle Lenormand — packten Pariser Verleger die Karten zum Legen um, unter dem Namen Petit Lenormand, und hängten ihr berühmtes Namensschild als Verkaufshilfe daran. Das British Museum bewahrt in der Sammlung Schreiber Exemplare des ursprünglichen Spiels der Hoffnung, und die neuere Forschung hat bestätigt, dass Hechtels Bilder und Reihenfolge der direkte Vorfahre der heutigen Lenormand-Blätter sind.
Aufräumen — das Blatt, das sie nie benutzt hat
Zwei Behauptungen über die legendäre Pariser Kartenlegerin geistern verbreitet umher; beide brauchen Korrektur.
- Marie Anne Adélaïde Lenormand (1772–1843) war eine Pariser Kartenlegerin, tätig von der Revolution bis in die napoleonische Zeit. Zu ihrer Kundschaft habe, so sagte sie selbst, Kaiserin Joséphine und mehrere Revolutionsfiguren gehört — dieser Teil gilt weitgehend als anerkannt.
- Sie selbst legte jedoch **mit gewöhnlichen Spielkarten** (und einem aufwendigeren System namens Grand Jeu), nicht mit dem Sechsunddreißig-Karten-Blatt, das wir heute Lenormand nennen.
- Sie hat das Blatt, das ihren Namen trägt, **weder entworfen noch veröffentlicht noch benutzt**.
- Es wurde **nach ihrem Tod** von Verlegern zusammengestellt, die ihre Bekanntheit nutzten — ihr Verhältnis zu diesem Blatt gleicht am ehesten einer Prominentenbürgschaft, unterzeichnet von jemandem, der nicht mehr da war, um sie zu unterschreiben.
Struktur — sechsunddreißig alltägliche Bilder, fest gesetzt
Der Lenormand-Kanon ist fest: Nummer, Reihenfolge und Name sind zwischen Ausgaben gleich. Hier die deutschsprachig übliche Reihung.
- Reiter · Rider
- Klee · Clover
- Schiff · Ship
- Haus · House
- Baum · Tree
- Wolken · Clouds
- Schlange · Snake
- Sarg · Coffin
- Blumenstrauß · Bouquet
- Sense · Scythe
- Rute · Whip
- Vögel · Birds
- Kind · Child
- Fuchs · Fox
- Bär · Bear
- Sterne · Star
- Storch · Stork
- Hund · Dog
- Turm · Tower
- Park · Garden
- Berg · Mountain
- Wege · Crossroads
- Mäuse · Mice
- Herz · Heart
- Ring · Ring
- Buch · Book
- Brief · Letter
- Herr · Man
- Dame · Woman
- Lilie · Lily
- Sonne · Sun
- Mond · Moon
- Schlüssel · Key
- Fische · Fish
- Anker · Anchor
- Kreuz · Cross
Verglichen mit den achtundsiebzig Tarot-Bildern sind die Lenormand-Bilder konkreter — ein Reiter, ein Brief, ein Schlüssel, eine Maus — dem Alltagsleben zugeordnet und nicht dem mythischen Urbild. Jede Karte trägt außerdem eine Zuordnung zu einer Spielkarte (der Brief etwa ist die Karo-Sieben) — eine historische Spur ihrer Herkunft aus Spielkarten.
Unterschied — zwei orakuläre Grammatiken
Beide Blätter sind Kartenlesungen auf Papier, doch ihre **Grammatik** ist grundverschieden — das eine liest sich wie ein Wörterbuch, das andere wie ein Roman.
Kombination gegen Erzählung — ein kleines Beispiel
Stell dir dieselbe Frage vor — wie wird es mit A werden — und zwei gezogene Karten. Im Tarot, sagen wir Die Liebenden plus Der Turm, öffnet die Lesende eine Erzählung: eine tiefe Bindung wird von äußeren Kräften erschüttert; alte Strukturen können brechen oder sich zu etwas Ehrlicherem zusammensetzen. Das Gewicht liegt auf dem Warum und auf dem Bogen.
Im Lenormand, sagen wir Herz (24) plus Kreuz (36), fügt die Lesende einen Satz zusammen: eine gefühlsvolle Belastung, eine Liebe unter Prüfung. Nimm eine dritte Karte hinzu, und der Satz wird zum Absatz. Nimm eine vierte, und der Absatz gewinnt Zeit, Ort und Handelnde. Das Lenormand schreibt Telegramme; das Tarot schreibt Gedichte. Sie können dieselbe Lage betreffen, doch die Körnung ihrer Grammatik ist gänzlich verschieden.
Deshalb werden beide Systeme in der Praxis oft gepaart: das Tarot gibt einer Frage das Warum, das Lenormand gibt ihr das Wie. Das ist kein Ersatz, sondern eine Ergänzung. Vorausgesetzt, man erkennt zuerst an, dass es zwei Sprachen sind.
Weder Tarot noch Orakelblatt
Eine häufige Fehlordnung schiebt das Lenormand in die Kategorie der „Orakelblätter“. Orakelblätter haben definitionsgemäß **keine feste Struktur** — die Autorin wählt Anzahl (44, 52, beliebig), Themen und Bilder. Das Lenormand hat feste Kartenzahl (36), feste Reihenfolge (1–36) und feste Namen — genau wie die achtundsiebzig des Tarot. Es ist ein **geschlossener Kanon**, nur kleiner als das Tarot. Wenn eine dritte Kategorie nötig ist, ist es einfach seine eigene: Lenormand.